Lew Borissowitsch Katzenelson

Lew Borissowitsch Katzenelson

Lew Borissowitsch Katzenelson wurde 1923 in eine feine Petersburger Familie geboren, die für ihre herausragenden kulturellen Persönlichkeiten bekannt ist.

Sein Großvater, Lew Israelievich  Israilewitsch  Katzenelson (1847-1917), Doktor der Medizin, war Arzt, Medizinhistoriker, Schriftsteller und Gelehrter, Talmudist und leitete Kurse für Orientalistik in St. Petersburg nach dem Tod ihres Gründers, Baron David Günzburg.

Sein Vater, Boris Lwowitsch Katzenelson (1881-1942), studierte an der Universität von St. Petersburg und absolvierte später die Technische Hochschule in München. Er war Elektroingenieur und sprach mehrere Sprachen (die wichtigsten europäischen Sprachen und auch alte Sprachen). Er arbeitete als Übersetzer von technischen Texten, als Redakteur und später als Angestellter der Öffentlichen Bibliothek. Seine Mutter, Ida Solomonowna Kogan (1883-1943), hatte an der Universität Berlin studiert und war eine bekannte Kinderärztin. Die Eltern von Lew Katzenelson lernten sich in Berlin kennen und verlobten sich in Genf. Ab 1919, nach ihrer Rückkehr aus Deutschland, lebten sie in Petrograd.

Die Familie bewohnte eine große Wohnung in der Rubinsteinstraße und war mit einem großen Kreis von Petersburger Intellektuellen befreundet. Lew und sein Bruder Michail begannen sich schon früh für Kunst zu interessieren. Sie lasen viel, führten Theaterstücke auf und gaben eine Zeitschrift heraus. Später erinnerte sich Lew Borissowitsch oft daran, mit welcher Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit seine Mutter, eine berühmte Kinderärztin, die eine Reihe von Büchern über Kinderheilkunde veröffentlichte, ihre Patienten behandelte. Diese Atmosphäre der Sensibilität und Fürsorge sowie das grenzenlose Vertrauen in die Menschen und der Wunsch, das Beste in ihnen zu sehen, haben wahrscheinlich den erstaunlichen Charakter von Lew Katsenelson geprägt. Sein zeichnerisches Talent und sein nachdenkliches Interesse an der Malerei führten dazu, dass er einer der ersten Studenten des Kunstgymnasiums an der Akademie der Künste wurde.

Im Herbst 1939 kam es zu einem Ereignis, dessen Tragweite Lew Katzenelson sofort begriff. Er lernte Pawel Nikolajewitsch Filonow kennen und wurde bald sein Schüler. Er selbst beschrieb diese Begegnung wie folgt: „Ich war jung, und die Reinheit der Jugend gab mir die Reinheit der unmittelbaren Einsicht. Ja, vor mir stand ein großer Meister der Renaissance, seine Tiefe, seine Kraft, seine Intelligenz, seine Leidenschaft, nur auf wundersame Weise in das 20. Jahrhundert übertragen wurde. Es war eine doppelte Freude, dass es ihn jetzt gibt. Es gab jedoch keinen Zweifel daran, dass dies der große Meister war, sowohl in dem Moment meiner Entdeckung und Bestätigung als auch danach. Ich wusste mit unausweichlicher Überzeugung, dass Filonow in Kraft und Geist nur den Meistern der großen Linie der Titanen der Renaissance ähnlich war“.

Viele Menschen scheuten sich damals, Filonow zu besuchen; schon seit Anfang der 1930er Jahre war er in Ungnade gefallen, stellte nicht aus und erhielt keine Aufträge. Damals begriff noch nicht jeder die Kraft seines Genies. Umso erstaunlicher ist es, dass Lew Katzenelson bereits in so jungen Jahren mit durchdringender Klarheit und Mut erkannte, was andere erst viel später, nach dem Tod des Meisters, entdecken sollten. Ihre Gespräche über Kreativität, die russische Avantgarde und analytische Kunst waren für Lew Borissowitsch ein belebender Strom, ein frischer Strom, der in der akademischen Kunstausbildung jener Zeit so sehr fehlte.

 

Als 1941 der Krieg ausbrach, meldete sich sein Bruder Michail als Freiwilliger an die Front. Lew folgte bald dem Beispeil seines Bruders. Michail kam gleich zu Beginn des Krieges um. Lew überlebte. Er wurde dreimal verwundet und erhielt den Ruhmesorden. Während des Krieges starben seine Mutter und sein Vater. Seine Mutter überlebte die Blockade von Leningrad dank der Hilfe von ihren Patienten. Sie half ihren kleinen Schützlingen bis zur letzten Minute und starb kurz vor Kriegsende: Ihr Herz versagte.

Nach dem Krieg nach Hause zurückgekehrt, findet Lew Katzenelson trotz des Verlusts seiner Familie und seiner Verletzungen die Kraft, sein Studium an der Akademie der Künste fortzusetzen. Er schafft es jedoch nicht, das Studium abzuschließen: Die in den Nachkriegsjahren einsetzende antisemitische Kampagne – sogenannte "Bekämpfung des Kosmopolitismus" –  und die damit einhergehende Verschärfung der Maßnahmen gegen alle möglichen modernistischen "Abweichungen" in der Kunst lassen ihm keine Chance.

Von der gesamten Wohnung bleibt ihm nur ein einziges Zimmer. Dieses Zimmer mit zwei Rundbogenfenstern in der Rubinsteinstraße 38 sollte bald zu einer berühmten und geheimen Adresse in der Leningrader Kunstwelt werden, wohin sich die an echter Kunst Interessierten wenden würden.

Von diesem Moment an, ab dem ersten Nachkriegsjahrzehnt, übte Lew Borissowitsch Katzenelson mehr als dreißig Jahre lang eine aktive und energische Sammler- und Bildungstätigkeit aus. Er unterrichtete und organisierte Ausstellungen, half jungen Künstlern und beriet Museen. Hunderte von Menschen, die ihn aufsuchten, begannen dank seiner Sammlung zu verstehen, wie lebendige Kunst wirklich aussieht. Mit aufrichtiger Herzlichkeit und Taktgefühl eröffnete Lew Borissowitsch den Gästen ein magisches Land, in dem jeder Künstler eine besondere Welt ist, anders als alle anderen und deshalb schön.

Neben der "Exposition", die aus sorgfältig und liebevoll ausgewählten Werken zeitgenössischer Künstler bestand, gab es spezielle Schränke mit Mappen. Diese geräumigen, handlichen Alben für Grafiken vermittelten wenn schon nicht einen vollständigen, so doch zumindest einen umfassenden Eindruck vom jeweiligen Künstler und seinem Schaffensweg. Auf dem Rücken jeder Mappe befand sich eine kleine Zeichnung mit dem Nachnamen des Künstlers, die im Geiste und Stil dessen Werks angefertigt und von Lew Katsenelson selbst in Form einer virtuosen Miniatur ausgeführt wurde. Auf der ersten Seite befanden sich ein Porträtfoto und ein Autogramm oder ein Brief des Künstlers. Danach folgten, umrahmt von einem weißen Wattepaspartum, Blätter mit Grafiken. Es muss gesagt werden, dass viele Mappen sowohl Reproduktionen als auch Seiten mit Buchgrafiken enthielten; für Lew Borissowitsch war diese Unterscheidung weniger wichtig als die Schaffung einer vollständigen, umfassenden Vorstellung vom Künstler und seinem Werk.

 

Wenn Lew Katzenelson seinen Gästen und Besuchern diese Mappen zeigte, erfuhren sie nicht nur Neues über die Künstler, sondern entdeckten oft ganz neue Namen, und diese Entdeckungen hatten auf viele eine inspirierende Wirkung.

Diese Begegnungen waren sehr beeindruckend und machten schnell von sich reden, sodass immer mehr Fachleute aus der Kunst- und Museumswelt angeregt wurden, die Sammlung zu besichtigen. Es entstanden neue Publikationen, unter anderem monografische Werke. Lew Katzenelson investierte in diese Arbeit sein ganzes Talent als Herausgeber und Sammler, sein ganzes enzyklopädisches Wissen und seinen Kunstgeschmack. Seine monographischen Mappen waren in der Tat der erste und einzige konkurrenzlose "Samisdat" der Bestände des Russischen Museums von Sankt Petersburg, damals Leningrad. Ob es sich um Alexander Tyschler oder Wiktor Samirailo oder Ilja Kabakow handelte, nirgendwo konnte man mehr Informatonen zu diesen Künstern erhalten.

Er war mit dem Schriftsteller Michail Soschtscheko befreundet und half den Künstlern Alexander Arefiev, Wladimir Schagin, Richard Wasmi und Michail Schemjakin. Letztere schrieben ihm später aus dem Ausland begeisterte Briefe und ließen ihm über Wladimir Wyssozky ihre Alben und Ausstellungskataloge zukommen. In komplexen ethischen Fragen, die das Leben der damaligen Intelligenzija betrafen, wurde Lew Katzenelson oft als weiser Schiedsrichter und eine Person mit einem tadellosen moralischen Kompass um Rat gefragt. Jeder, der sich im damaligen Leningrad mit zeitgenössischer Kunst befasste, kam um den Namen Lew Borissowitsch Katzenelson nicht herum.

Das vom bekannten Grafiker Eduard Budogosky geschaffene Exlibris zeigt einen bärtigen Mann mit einer großen Mappe in den Händen, der am Gitter eines der Kanäle von St. Petersburg entlanggeht. Dieser leicht hinkende, ungestüme Gang, dieser Mann mit den schönen und intelligenten Augen und einer riesigen Mappe in der Hand wurden zu einem nicht wegzudenkenden Element der Stadtlandschaft von Sankt Petersburg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, genau wie das von vielen geschätzte Zimmer in der Rubinsteinstraße. Lew Katzenelson, selbst ein begabter Künstler und Schriftsteller, widmete sein ganzes Leben der Aufgabe, das Werk jener Künstler, deren Werk nicht unter den Trümmern einer zerfallenden Kultur untergehen sollte, auf eine würdige Art und Weise zu präsentieren - und er stellte sich bei dieser Arbeit sehr hohe Ansprüche.